Mein Alptraum beginnt am Freitag den 19.11.10 um 5:45 als ich wegen starken Bauch-, Rücken- und Kopfschmerzen im Notfall der Geburtenklinik in Nancy (Frankreich) aufgenommen werde.Während die Ärzte versuchen meine Schmerzen zu lindern und mein hoher Blutdruck zu senken, erfahren wir, dass ich eine schwere Preeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) habe und klären uns über die Risiken auf. Als uns gesagt wird, dass wir unseren Sohn früher als erwartet empfangen werden, sofern die Kortikoide Zeit haben seine Lungen fertig zu bilden (3 Tage), ansonsten gibt es für ihn nicht viel Hoffnung, bricht für mich eine Welt zusammen. Ich kann nicht glauben, was da geschieht. Erst gestern kam ich von meinem Aufenthalt in der Schweiz nach Hause und ausser den Wasseransammlungen in meinem Körper ging es mir gut.
Anfang Nachmittag lassen die Schmerzen endlich nach und ich kann ein bisschen schlafen.
Die nächsten zwei Tage vergehen sehr langsam. Ich liege in meinem Bett auf der Intensivstation und darf nur wenig Besuch empfangen. Ich bin zu müde um zu lesen, und werde alle viertel Stunde vom Blutdruckmessgerät geweckt. Die Schmerzen sind schwächer und werden immer seltener.
Der Sonntag den 21.11. verläuft sehr ruhig (die Ruhe vor dem Sturm). Mir geht es blendend und ich darf sogar mit dem Rollstuhl einen kleinen Spaziergang machen und etwas frische Luft atmen. (In meinem Zimmer gibt es keine Fenster)
Ich hege die Hoffnung, dass ich vielleicht wieder nach Hause darf, welche aber von den Ärzten nicht geteilt wird. Auf die Frage "Wie lange ich meine Baby noch im Bauch behalten kann" erhalte ich nur wage Antworten wie "Jeder Tag ist ein Tag gewonnen".
18Uhr: Die Bauchschmerzen in der Magengegend fangen wieder an. Die Ärzte geben mir Schmerzmittel und Krampf lösende Medikamente. Um Mitternacht sind die Schmerzen weg und die Ärzte glauben es handle sich um ein Verdauungsproblem. Ich versuche zu schlafen und auch Ben profitiert von der Ruhe um nach Hause zu gehen.
Die nächste halbe Stunde sind die letzten ruhigen Minuten, bevor sich mein Leben für immer verändert. Die Schmerzen kommen wieder und werden immer stärker. Ich weiss nicht mehr welche Position einnehmen. In den nächsten vier Stunden kommen immer wieder neue Ärzte, Spezialisten, Hebammen und Krankenschwestern an mein Krankenbett. Aber keiner weiss mir zu Helfen. Ich frage nach Ben, aber niemand will ihn anrufen, da sie nicht wissen was mit mir los ist. Das ist mir aber egal! Ich brauche ihn, ich brauche jemand der mir die Hand hält, der mit mir spricht. Ich habe Angst! Ich fühle mich einsam, trotz den liebevollen Krankenschwestern, die sich um mich sorgen und versuchen mich zu beruhigen.
Gegen 4Uhr treten plötzlich neue Schmerzen auf - die Wehen. Das ganze Ärzteteam, welches sich seit Stunden an meinem Bett ablöst, bereitet sich auf das Schlimmste vor. Unverständnis und Befürchtung vermischen sich, mein Gesundheitszustand verschlimmert sich von Minute zu Minute. Mein Blutdruck steigt auf 200. Die Krankenschwestern versuchen mit mir Atemübungen zu machen, welche für die Wehen wunderbar funktionieren, aber nicht für meine Schmerzen in der Magengegend und im Rücken. Ich habe das Gefühl ein Messer im Bauch zu haben, dass mit einem Gürtel festgebunden ist und mit aller Kraft zusammengeschnürt wird. Es ist unerträglich! Ich möchte raus aus diesem Alptraum! Möchte schlafen, nichts mehr spüren, nichts mehr hören. Doch die nächsten Worte die ich höre werde ich nie wieder vergessen. Um 5Uhr erklärt mir der Anästhesist, dass sie alles mögliche getan haben, sich aber mein Zustand trotzdem gefährlich verschlimmert und sie entschieden haben, dass ich sofort operiert werden muss. Ich möchte wissen, was dies für mein Kind bedeutet. Er antwortet mir, dass die Kinderärzte sich um Ihn kümmern werden und alles tun um sein Leben zu retten in der Hoffnung dass seine Lungen vollständig gebildet sind und er atmen kann. Aber in diesem Augenblick geht es nicht um ihn sondern um mein Leben.
Ich weine leise und höre verständnislos die Worte des Arztes. Der Schmerz in meinem Herzen lässt für ein paar Minuten die körperlichen Schmerzen vergessen. Neben der Angst um das Leben meines Kindes breitet sich auch ein Gefühl der Erleichterung aus. Meine Schmerzen werden endlich ein Ende nehmen. Doch sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, solche egoistische Gedanken zu haben. Und dann kommt die Angst vor der Operation.
Endlich kommt eine Krankenschwester mit einem Telefon in der Hand und ich habe die Möglichkeit kurz mit Ben zu reden bevor ich in OP-Saal gebracht werde.
Ich nehme kaum wahr, was um mich herum geschieht. Die Spritze in meinen Rücken für die Spinalanästhesie spüre ich kaum. Nach ein paar Sekunden spüre ich meine Beine nicht mehr, doch die Schmerzen im Bauch und Rücken vergehen nicht. Ich habe Angst, dass die Schmerzen während der Operation bleiben, doch der Anästhesist versichert mir, dass ich in ein paar Minuten ab dem Brustkorb nichts mehr empfinden werde. Er hatte Recht, doch kaum ließen diese Schmerzen nach, droht mein Kopf zu zerspringen. Es ist unerträglich. Mein Blutdruck steigt erneut auf über 200 und die Ärzten reden von einer Vollnarkose falls mein Blutdruck nicht sinkt. Nach einer halben Ewigkeit beruhigt sich mein Körper und ich kann endlich loslassen.
Ein paar Minuten später, vielleicht auch eine halbe Stunde, es ist 6:22 Uhr wird ein kleines Etwas ins Zimmer nebenan getragen: MEIN SOHN!!! Er ist geboren! Er weint! Er atmet! Er lebt! Die Gefühle überwältigen mich und ich weine. Ich möchte ihn sehen, doch leider ist sein Brutkasten zu hoch und ich sehe nur zwei Beine und ein Arm die sich bewegen. Und dann ist er schon weg unterwegs in die Rea der Frühgeburtenabteilung.
Auf dem Weg darf er dann auch schon mit seinem Papa Bekanntschaft machen, welcher voller Sorgen mit seiner Mutter im Wartezimmer auf uns wartet.
Basile kam am 22.11.2010 um 06:22 Uhr nach dem er nur 26 Wochen und 3 Tage in meinem Bauch verbracht hatte, auf die Welt.
Er wiegt 758g und ist 35.5cm gross.

Gegen 8Uhr kommt Ben in mein Zimmer und stellt mir unseren Sohn Basile vor, dank einer Photo welche von den Krankenschwestern gemacht wurde.
Wir erfahren erst viel später, dass Basile und ich um Haaresbreite (eine oder zwei Stunden später) nicht mehr da wären.
Für die Statistik (oder unglücklicher Zufall): Bei 10% der Schwangerschaften kommt es zu einer Preeklampsie, davon erleiden nur 2% die selbe Komplikation (HELP-Syndrom) wie ich.
Der Grund ist nicht festgelegt. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um eine genetische Übertragung und sollte bei einer weiteren Schwangerschaft nicht mehr vorkommen. Um das herauszufinden lassen wir uns aber ganz viel Zeit....